Erleuchtung ist keine Frage der Lichtstärke

Von: Ute Mündlein | 15.01.2017

Perhaps wisdom and happiness are like winning a medal in the Olympics. It doesn't matter whether you won a hundred years ago or ten minutes ago, or whether you won just once or in multiple events. [...] No one can take that away–and it would be impossible to feel more of that feeling.

aus „The Daily Stoic: 366 Meditations on Wisdom, Perseverance, and the Art of Living: Featuring new translations of Seneca, Epictetus, and Marcus Aurelius“, erhältlich hier 
- Foto: Dino Reichmuth

Das Frustrierende an Aha-Erlebnissen ist für mich, sie halten meist nicht lange an. Man sieht etwas in völlig neuem Licht, fühlt sich leicht und frei. Und dann zwei Tage später hat man das Gefühl, man ist kein Stück weiter, ärgert sich über neue Dinge (siehe auch mein Artikel „Sorgeneimer“). Trotz alledem, etwas hat sich verändert, nur eben nicht mit einem riesengroßen Knall.

Erleuchtung

Erleuchtung, in kleinen Schritten

Ich glaube, die wenigsten haben ein Erweckungserlebnis wie Sydney Banks oder Eckhart Tolle es hatten. Lange Phasen, in denen die bisherige Welt aus den Fugen gerät. Und nüchtern betrachtet braucht es das auch nicht. Und wie es in dem oben genannten Zitat heißt: Es reicht nur ein Moment, ein schwaches Licht, um den Raum zu erhellen.

Bei mir war es die Erkenntnis: Selbst wenn ich irgendwann kein Geld mehr habe und unter der Brücke schlafen muss (meine bis dato größte Sorge), ich werde dennoch Wege finden, um über die Runden zu kommen. Plötzlich wusste ich das tief drinnen. Das war eine schlagartige Erkenntnis, und sie hat mich nachhaltig verändert. Rückblickend betrachtet war es noch nicht mal ein riesengroßes Aha-Erlebnis, rein gefühlstechnisch, aber seitdem kann ich nicht mehr all die Ängste heraufbeschwören, die ich vorher beim Gedanken an Obdachlosigkeit hatte.

Oder auf einmal konnte ich den Satz verstehen: The Obstacle is the way. Das Hindernis weist den Weg. Lange Zeit hielt ich mein Nicht-Wissen bei der Kundenakquise für eine Schwäche. Ich schickte gerne andere vor, um sich beispielsweise mit Interessenten am Stand zu unterhalten. Bis mir klar wurde: Fehlende Kenntnisse können auch ein Segen sein, ein Vorteil, denn so konnte ich mir nicht eine vorgefertigte Meinung bilden, wenn mir jemand von einem Problem erzählte. Ich musste einfach noch mehr fragen und zuhören. Das wurde durchaus vom Gegenüber geschätzt und meine Schwäche wurde so zu einer „Stärke“.

Keine Wunderheilungen notwendig

Die oben genannten Beispiele gehen sicherlich nicht als Erweckungserlebnis durch, aber das müssen sie auch nicht. Selbst sie können bei anderen Menschen ein Aha-Erlebnis auslösen. Genau darum geht es bei den 3 Prinzipien. Wir teilen das, was wir sehen. Das allein genügt, um anderen zu helfen, ebenfalls neue Einsichten zu gewinnen. Mehr ist es nicht. Es braucht keine Wunderheilungen. Es reichen kleine Dinge, wie der Satz mit „Das Hindernis weist den Weg.“ Ich hatte einem Bekannten von meiner Erkenntnis erzählt und auch bei ihm hat irgendetwas Klick gemacht.

Daher: Schätze die kurzen Momente, in denen du plötzlich etwas verstehst, etwas von einer völlig neuen Seite siehst, dir buchstäblich ein Licht aufgeht. Es sind genau diese Dinge, die uns als Menschen verändern, nachhaltig, auch wenn sie noch so klein sein mögen, und du es in dem Moment auch noch gar nicht verstehst. Auch dafür ein Beispiel.

Gute Idee vs. Eingebung

Am 14.08.2012 bin ich mit dem Auto zum Einkaufen gefahren. Aus dem Nichts kam die Idee: Ich möchte innerhalb eines Jahres 3.000 km mit dem Fahrrad fahren. Zu dem Zeitpunkt bin ich ab und zu Rennrad gefahren, mehr nicht. So absurd die Idee schien, ich überlegte mir noch beim Fahren, wie ich das schaffen könnte und stellte fest: Jeden Tag 10 km die nächsten 300 Tage, das wär's. Und zehn Kilometer sind nicht viel. Am 15.08.2012 habe ich damit angefangen.

Dieser Moment hat etwas sehr nachhaltig in meinem Leben verändert: Meine Migräne, die mich zu dem Zeitpunkt alle 14 Tage für zwei Tage ans Bett fesselte, ist seitdem kein Problem mehr. Sie ist nicht weg, kommt ab und an, aber hilft Aspirin.

Viel interessanter daran ist: Mir war die Veränderung nicht klar. Ich hatte Mitte August mit dem Radfahren angefangen. Erst Ende Oktober hatte ich dann wieder die nächste Migräne. Zweieinhalb Monate später. Verwundert fragte ich mich sogar, wieso so viel Zeit vergangen ist. Andere Leute brachten mich überhaupt auf die Idee, dass es wohl am Radfahren liegen könnte. Was ich damit sagen will: Das hat mein Leben radikal zum Besseren gewandelt, aber der Aha-Moment war absolut unspektakulär.

Und noch eines: Es geht hier nicht darum, seiner inneren Stimme zu folgen ... Das stand gar nicht zur Debatte. Es war einfach völlig klar, ich fahre die 3.000 Kilometer, es gab daran überhaupt keine Zweifel. Diese Klarheit zeichnet gute Ideen von Eingebungen ab.

Und welches Aha-Erlebnis hat dich bewegt? Wer weiß, ob diese Erkenntnis auch bei anderen Klick macht. ;-)